WEISS AUCH, GRAU, VIELLEICHT SCHILLERND

Christiane Dessecker, Katharina Hinsberg, Leonie Mertes und Jaeyun Moon

 

Eröffnung

FR 24.07. 2026, 19 Uhr
Begrüßung: Michael Günther, 1. Vorsitzender
Einführung: Dr. Dolores Claros-Salinas, Kunstverein Konstanz

 

Zeichen-Workshop

MI 26.08.2026, 16:30 Uhr mit der Künstlerin Christiane Dessecker. 2-stündig, für Kinder wie Erwachsene, für Anfänger:innen wie Fortgeschrittene

 

Lesung

MI 16.09.2026, 19 Uhr mit der Schauspielerin Cecilia Amann, Die Linie ist ein Punkt, der spazieren geht (Paul Klee), Zeichnungen & Zeichnen in ausgewählten literarischen Werken

 

Öffentliche Führungen

SO 02.08. / 11:30Uhr // DO 10.09. / 16:30 Uhr SO 13.09. / 11:30 Uhr

In seiner Sommer-Ausstellung führt der Kunstverein Konstanz vier Künstlerinnen zusammen: drei Künstlerinnen, Christiane Dessecker, Leonie Mertes und Jaeyun Moon haben bei der vierten, Katharina Hinsberg, Professorin für Konzeptuelle Malerei an der Hochschule der Künste Saar in Saarbrücken, studiert.

In der Ausstellung  weiss auch, grau, vielleicht schillernd widmen sich alle vier Künstlerinnen dem Medium Zeichnen. Jede nähert sich zeichnerischen Aspekten wie Geste, Struktur, Differenz und Wiederholung auf eigene Weise.  Gemeinsam ist die Annahme, dass die zeichnerische Linie ihren Ursprung in der körperlichen Bewegung hat und sich im Raum oder im Bildkörper selbst plastisch einschreiben kann.

Christiane Desseckers Arbeit führt zurück in eine unlängst vergangene Zeit, die noch immer nachwirkt: Ihre wandfüllende Zeichnung aus vielen Einzelblättern „Spreading mit unterschiedlichen Härtegraden“ entstand während und mit der Pandemie als eine sehr eigenständige, persönliche Verarbeitung eines bedrohlichen Geschehens. Je nach gemeldeten Fallzahlen zeichnete sie mit weichem oder härteren Bleistift, die Verletzlichkeit höherer Fallzahlen stellte sie mit weicherem Strich dar, die hoffnungsvolle Erleichterung bei niedrigen Fallzahlen mit härterem Bleistift. Es entstanden in feinen Linien wolkenartige Graphitgebilde, die sich auch immer wieder zu Tier- und Pflanzenfiguren, einer menschlichen Hand wie aus einer Höhlenzeichnung verdichten. Die eng aneinander gruppierten Einzelblätter lassen über zwei Wandflächen hinweg ein Geflecht entstehen, das die unablässige Folge, das kaum noch zu erinnernde Ineinander-Übergehen von Tagen und Wochen dieser beunruhigenden Zeit spiegelt.

Farbe als Material kommt bei Jaeyun Moons Arbeiten ins Spiel. In einem komplexen, langwierigen Prozess trägt die Künstlerin immer wieder Farbe auf den Leinwandgrund auf und übermalt die einzelnen Schichten, die zunehmend unebener und furchiger geraten, bis zu hundert Mal. Auch bei ihr nimmt das Tagesgeschehen, ihre Stimmung, Gedanken, die sie bewegen,  Einfluss auf die Wahl der künstlerischen Mittel, wie stark sie Pinsel auf den Malgrund drückt, für welche Farbe sie sich entscheidet. Längst hat sich die ursprünglich zweidimensionale  Bildstruktur in ein Raumgebilde verwandelt, das Moon nun einer Bearbeitung unterzieht, die weniger malerisch als zeichnerisch das finale Werk entstehen lässt. Mit einem Messer schneidet die Künstlerin in die Farbschichten hinein, orientiert sich an den Linien der einzelnen Farbverläufe und  trägt behutsam, in sorgfältig durchdachten Schritten als „Bildarchäologin“ Farbe ab und legt darunter liegende Ebenen frei. Farbenreich, helltönig oder dunkel, schillern Moons Arbeiten.

Leonie Mertes’ Zeichenweise lässt sich zum einen als subkutane Operation beschreiben: Das weiße Blatt Papier ritzt sie mit einem Cutter leicht an, gerade ausreichend, um mit dem Graphit-Stift in die Öffnung zu fahren, diese zu vergrößern. Unter der Papierhaut arbeitet sich der Stift immer weiter vor, zieht seine graphitgrauen Linien, dem unmittelbaren Blick der Zeichnerin entzogen, nur je nach Stärke des Aufdrucks durch das Papier hindurch schimmernd. Auch bei einer zweiten Arbeitsweise bleibt das Papier nicht einfach nur der Zeichengrund: Mit einem spitzen Graphitstift löst sie, vom Rand des Papierbogens beginnend,  durch eine kräftige, dichte Strichführung einzelne Fasern, die sich von der Fläche gewölbt in den Raum erheben. Es entstehen dunkle, gitterartige Strukturen, durchsetzt mit unregelmäßigen weißen Flächen, dort, wo der Papierbogen unbearbeitet blieb.

Katharina Hinsbergs Aufmerksamkeit gilt der Linie, die aber nicht nur gezeichnet auf Papier erscheint. Oft wird sie geschnitten, wobei der Schneideprozess mit Schere oder Skalpell, der filigrane Papierlinien entstehen lässt, sich in Energie und Zeitaufwand deutlich unterscheidet vom Gestus rasch und vehement gezeichneter Linien. In ihrer neuesten Werkgruppe „Säumnisse“ wird der Schnitt so wichtig wie die Linie: Die Ausgangslinie ist hier der Blattrand, der mit roter Tusche eingefärbt wird, um anschließend mit dem Messer entlang eines Lineals ausgeschnitten zu werden. Die entstehenden Schnittkanten werden wieder rot gefärbt, zueinander verschoben und zu  einem neuen Format zusammengesetzt. In ihrer konzeptuellen Vorgehensweise, in der Zeichnen Schneiden, Ritzen, Stanzen, Falten und Kleben des Papiers bedeuten kann, erneuert Hinsberg Bedingungen und Möglichkeiten des Mediums Zeichnung.

„weiss auch, grau, vielleicht schillernd“ – vier eigenständige Bildsprachen begegnen sich, verweilen nebeneinander und treten miteinander in Beziehung.

Reihe oben

links: Jaeyun Moon, ohne Titel, 2024, Acryl Reliefschnitt, 30 x 24 cm

rechts: Jaeyun Moon, ohne Titel, 2025, Acryl auf Leinwand, Reliefschnitt, 25 x 25 cm

2. Reihe

links: Christiane Dessecker, Einzelblatt Spreading mit unterschiedlichen Härtegraden

rechts: Christiane Dessecker, Spreading mit unterschiedlichen Härtegraden Ausstellungsansicht Moderne Galerie Saarbücken

3. Reihe

links: Katharina Hinsberg, Säumnisse, 2025, Tusche, Papier, geschnitten und geklebt, 21,5 × 17,6 cm, farbanalyse

rechts: Katharina Hinsberg, runden, 2024, Farbstift auf Papier, ausgeschnitten 53,5 x 54 cm

Reihe unten

links: Leonie Mertes, ohneTitel, 2026, Papier, Grafit_21 x 15 cm

rechts: Leonie Mertes, 2019, Grafit,Papier (gespalten), 21 x 15 cm, Foto, Joas Strecker

 

Bild Programmübersicht: Christiane Dessecker, Einzelblatt aus dem Werk Spreading mit unterschiedlichen Härtegraden, Bleistift auf Papier, 63 cm × 44 cm. ©bilger_fotodesign.

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