Stillleben

Benjamin Bergmann

Vernissage        Freitag, 04.05.2018
                            19 Uhr Einführung: Eva Fritz M.A. freie Kuratorin und Kunstwissenschaftlerin

Installationen von Benjamin Bergmann zum Konzilsjubiläum 05.05. - 31.07.2018
"festlich" auf dem Münsterturm und "Klassentreffen" am Konzilsgebäude

 

Mit „stillleben“ präsentiert der Kunstverein Konstanz erstmals Arbeiten des Künstlers Benjamin Bergmann (*1968), der sich in seinen Skulpturen und raumgreifenden Installationen mit alltäglichen Gegenständen, Handlungen oder Begegnungen beschäftigt. Gleichzeitig wird der Künstler im öffentlichen Raum der Stadt zwei großformatige Arbeiten zeigen. Dabei spielt er stets mit Elementen des Absurden, mit Realitätsverschiebungen oder Irritationen und bricht so geläufige Sehmuster und Vorstellungen. Auf vielfältige Weise lotet er so immer wieder die Grenzen des Möglichen und Vorstellbaren aus und erweitert sie. Er lädt den Betrachter zugleich dazu ein, selbst andere Perspektiven einzunehmen, scheinbar Gegebenes zu hinterfragen und einen Dialog mit den Werken einzugehen.

Unter dem Titel „stillleben“ vereint Bergmann im Kunstverein eine Serie neuer Arbeiten, die sich mit dem Zusammenspiel und der Gleichzeitigkeit von Energie, Ekstase und kontemplativer Stille beschäftigen: Mit Momenten von Andacht und Ruhe, die gleichzeitig Feierlichkeit und Lebendigkeit zelebrieren und in denen so vieles an- oder nachzuklingen vermag.
So etwa in der Arbeit „Redentore“, bei der runde Lampions, stark deformiert und wie verkohlt von der Decke baumeln und die Raumecke wie den Schauplatz und Überrest einer nächtlichen Party erscheinen lassen. Das Fest ist vorbei, die Gäste gegangen – zurück bleibt nur noch die Spur der Feier. Die vorangegangene Ausgelassenheit scheint noch spürbar im Raum zu hängen, doch zugleich hat die Szene auch etwas Düsteres, Bedrohliches. Das Fest ist verbrannt, die Lampions leuchten nicht mehr.
Beide Seiten stecken auch in dem Ursprung der Arbeit, auf die der Künstler referiert:
Jedes Jahr im Juli erinnert die Stadt Venedig mit der Festa del Redentore, dem Erlöserfest, bei dem die Kanäle und Gondeln mit hunderten gelben Papierlampions geschmückt werden und um Mitternacht ein großes Feuerwerk stattfindet, an das Ende der längsten Pestwelle im 16. Jahrhundert. Ein Fest voller Freude, aber auch ein Fest der Einkehr und Andacht und der Erinnerung an eine düstere Zeit.
 
Die Doppeldeutigkeit des Themas ist ein wiederkehrender Aspekt in den Arbeiten von Benjamin Bergmann. Die Bilder, die er im Raum erschafft, balancieren zwischen starken Gegenpolen, sie sind fröhlich, lebensbejahend und im selben Moment erfüllt von Traurigkeit und Dunkelheit. Das Feierliche und das Vergängliche sind immer nah beieinander.
Und zugleich sind die meisten Arbeiten Bergmanns wie Versprechen, die etwas andeuten, anpreisen, das sie nicht erfüllen, die immer mit dem Umstand leben, dass das zu erwartende nicht eingelöst wird: Lampions, die nicht leuchten können, Girlanden aus festem Guss, die niemals im Wind flattern, oder ein goldenes Regal, das prachtvoll und feierlich glänzt, jedoch leer ist, ein Gefäß ohne Inhalt. Womit soll das Regal befüllt werden, oder was hat es einst ausgestellt? Wofür steht es? In seiner Leere steckt in ihm sowohl der Hinweis auf eine mögliche (goldene) Zukunft als auch auf eine Vergangenheit, ein gewesenes goldenes Zeitalter. Die Antworten bleiben bei Bergmann aber letztlich immer offen.

 

Im öffentlichen Raum  
In Kooperation mit der Stadt Konstanz und zeitgleich zu seiner Ausstellung im Kunstverein wird Benjamin Bergmann im Rahmen des Konzilsjubiläums, das im Jahr 2018 seinen Abschluss findet, auch den öffentlichen Raum der Stadt bespielen.
In Auseinandersetzung mit den Orten und ihrer Geschichte wird er an zwei der wichtigsten Schauplätzen des Konzils, das von 1414 bis 1418 in Konstanz stattfand – dem Münster sowie dem Konzilsgebäude am Konstanzer Hafen – Installationen zeigen, die das Thema der Ausstellung im Außenraum fortsetzen.

 
Bei Einbruch der Dämmerung werden die südliche Plattform des Münsterturms und Teile der seitlichen Turmfassade von bunten Lichterketten und Scheinwerfern in farbiges und teils wechselndes Licht getaucht. So suggeriert die Installation mit dem Titel „festlich“ im Auge des Betrachters die Anwesenheit von Menschen, die als eine Gemeinschaft zusammengekommen sind, eine fröhliche Feier an einem Ort, an welchem man sie nicht erwarten würde. Doch wer feiert hier? Zugleich erfährt das bei Tag durch die farbig gestalteten Kirchenfenster einfallende Licht im Kirchenraum durch die Lichtinstallation ein kohärentes, nächtliches und gleichfalls farbiges Gegenüber.
„festlich“ unterstreicht zum einen die Feierlichkeiten anlässlich des Jubiläums und ist zudem als ein weithin sichtbares und positives Zeichen über der Stadt Konstanz wahrzunehmen. Dabei ist "festlich" kein einmaliges Ereignis, sondern wiederholt sich über einen längeren Zeitraum. Auf diese Weise entfaltet "festlich" das Potenzial einer offenen und positiven Gesinnung, die immer wieder aufs Neue entdeckt, gelebt und gelesen werden kann.
 

Die Arbeit „Klassentreffen“ reflektiert jenen Umstand, dass die überweltliche Darstellung der Heilsgeschichte, ihre individuelle Übersetzung, immer in einer menschlichen Vorstellungskraft und Umsetzung stattfindet. In der Fotocollage begegnet sich so eine subjektive Auswahl unterschiedlicher Maria- und Christusdarstellungen – ortsunabhängig und aus unterschiedlichen zeitlichen, sowie künstlerischen Epochen. Die überlebensgroße Fotografie der Heiligen – im Stile eines Gruppenfotos – wird an der Nordfassade des Konzilsgebäudes präsentiert: dem Ort, an welchem im Jahr 1417 die einzige Papstwahl nördlich der Alpen stattfand. Zuvor hatten drei Päpste gleichzeitig den Anspruch auf das Amt erhoben. Jeder von Ihnen sah sich als einzig legitimierten Stellvertreter Jesu Christi und Oberhaupt der katholischen Kirche an, was zu einer tiefen Spaltung der Kirche geführt hatte und zum Konzil von Konstanz, welches die Einheit der Kirche wiederherstellen sollte. Ein Ort also, an dem diese Thematik besondere Brisanz hat und eine Arbeit, die einmal mehr auch darauf verweist, dass es eben nicht immer nur eine richtige Antwort gibt, sondern viele Sichtweisen und Möglichkeiten.

 
Kuratorin: Eva Fritz, freie Kuratorin und Kunstwissenschaftlerin M.A., München, Johannesburg

Kurzbiographie
Benjamin Bergmann (*1968 in Würzburg) studierte nach einer Ausbildung zum Holzbildhauer an der Akademie der Bildenden Künste in München Bildhauerei. Seine Arbeiten sind seit 2002 in Einzel- und Gruppenausstellungen im In- und Ausland zu sehen, wie 2007 bei „Made in Germany“ im Sprengel Museum Hannover, 2009 auf der Biennale in Moskau, 2012 in der Pinakothek der Moderne, München, 2016 bei der Emscherkunst in Dortmund oder 2017 bei der Ijsselbiennale in den Niederlanden.
Der Künstler erhielt mehrere renommierte Kunstpreise, darunter: 2011 Künstler des Jahres der VHV, 2012 den Preis der Stadt Nordhorn, sowie Stipendien in USA, Russland und Kanada. 2015 absolvierte er ein Stipendium der Bundeskulturstiftung im Palazzo Barbarigo della Terrazza in Venedig.
Er ist in zahlreichen privaten und öffentlichen Sammlungen vertreten.

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